Unser Interview mit Kabarettist Frank-Markus Barwasser, den viele vor allem auch in seiner Rolle als Bühnenfigur als Erwin Pelzig kennen
Kabarettist Frank-Markus Barwasser hat Anfang der 1990er Jahre Erwin Pelzig entwickelt. Markante Merkmale: Cordhut, Herrenhandtasche und Würzburger Dialekt. Im September steht er in dieser Rolle im Wahner Eltzhof auf der Bühne. Lars Göllnitz hat ihm vorab ein paar Fragen gestellt.
Lieber Herr Barwasser, im Bühnentalk „Missverstehen Sie mich richtig“ haben sie vor ein paar Jahren mal gesagt, der politische Kabarettist ist ein Klugscheißer. An welchem Wissen können Sie uns spontan hier teilhaben lassen?
60 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen in Deutschland haben Übergewicht. Gleichzeitig ist die Geburtenrate in Deutschland zwischen 2021 und 2025 um 18 Prozent gesunken. Wir werden weniger. Aber wir werden dicker. Rein rechnerisch hört sich das doch ganz vernünftig an.
Wissen ist gerade heute gefühlt unbegrenzt verfügbar. Wie selektieren Sie, was zu einem Bühnenprogramm des Herrn Pelzig passt? Welche Kriterien müssen erfüllt sein?
Mich interessieren grundsätzlichen Themen, Fragen von eher zeitloser Aktualität. Also Themen, die auch noch in ein paar Jahren Relevanz haben. Im Idealfall entstehen so Texte, die man auch noch in ein paar Jahren lesen mag. Ich laufe nicht mehr so gern jeder Sau hinterher, die gerade durchs Mediendorf getrieben wird.
Außerdem musst du dabei mit deiner Pointe heute schneller sein als die Realität. Wenn du dich mit den Trumps und Infantinos dieser Welt beschäftigst, solltest du auch immer damit rechnen, dass die Typen Tantiemen verlangen, weil deine satirisch überspitzte Idee von heute ihr durchgeknallter Vorschlag von gestern ist.
Bei all den, auch schweren, Themen, die Sie beschäftigen: Ist die Rolle Erwin Pelzig auch ein wenig ein persönliches dickes Fell für Frank-Markus Barwasser – wie der Name es vielleicht vermuten lässt?
Ja, das ist was dran. Die Themen, die uns alle beschäftigen und mit denen ich mich dann intensiv bei der Recherche befasse, die lassen mich ja nicht kalt. Da ist eine Kunstfigur wie Pelzig schon hilfreich, etwas Distanz zu bewahren. Das ist vielleicht wie bei einer Ärztin oder einem Arzt: Die ziehen am Abend auch den weißen Kittel aus und nehmen die am Tag erlebten Schicksale möglichst nicht mit nachhause.
Klappt das gut?
Naja, so strikt kann ich das allerdings nicht trennen, denn meine Antennen sind eigentlich immer auf Empfang. Aber davon abgesehen ist so eine Figur ungemein hilfreich, komplexe Themen aufs Wesentliche runterzubrechen.
Ihr aktuelles Programm heißt „Wer wir werden“. Da liegt die Frage nahe: Wer werden wir denn?
Im Programm geht es darum, was dieser permanente Veränderungsdruck mit uns macht. Wir erleben ja mehrere parallel verlaufende Transformationsprozesse, die sich gegenseitig beeinflussen: politisch, technologisch, klimatisch, ökonomisch. Das macht Angst. Und Angst war schon immer ein hervorragendes Geschäftsmodell.
Populisten, Influencer und andere professionelle Weltuntergangsverwalter bewirtschaften sie zuverlässig. Social Media erledigt den Rest und sorgt dafür, dass jede noch so bescheuerte Behauptung zuverlässig jemanden findet, der schreibt: „Endlich sagt“s mal einer!“ So wird aus Unsicherheit Misstrauen und aus Misstrauen irgendwann die Überzeugung, dass sowieso alle lügen. Und wenn nichts mehr wahr ist, muss ich auch niemandem mehr glauben – außer natürlich dem Typen auf YouTube, der mir erklärt, dass alle anderen manipuliert sind.
Irgendwann kann dann alles falsch sein. Und wenn alles falsch sein kann, ist nichts mehr wahr. Dann wird aus Zweifel Misstrauen, aus Misstrauen Paranoia – und aus uns werden Realitätsverweigerer, Egoisten, Angsthasen und Heulsusen.
„Wer wir werden“ ist passiv formuliert. Haben wir nicht selbst in der Hand, wer wir werden?
Ich glaube, nur zum Teil. Es geht doch schon damit los, dass deine soziale Herkunft, die ökonomischen Grundlagen deiner Familie maßgeblich entscheiden, wie dein weiteres Leben verlaufen wird, welche Bildung du hast, welchen Beruf du ergreifst statistisch sogar, wie lange du lebst. Und diese Unterschiede werden mehr denn je weitervererbt. Nachhaltigkeit können wir also doch.
Die Millionenerbin und Aktivistin Marlene Engelhorn hat mir das mal in einem Interview aus eigener Erfahrung sehr schön beschrieben: Solche Leute erben ja nicht nur Vermögen, sondern auch das Adressbuch der Eltern. Sie erben Netzwerke, Beziehungen, Verbindungen, Einfluss und Macht. Ich behaupte nicht, dass wir gar nichts in der Hand haben bei der Frage, wer wir werden. Aber viel hängt von den Karten ab, die am Anfang ausgeteilt werden. Da kann es nicht schaden, wenn die Eltern den Kartenverkäufer, den Kartenmischer und den Kartengeber gut kennen.
Als Erwin Pelzig helfen Ihnen die Freunde Hartmut und Dr. Göbel beim Bewältigen der Themen. Was kann Erwin Pelzig von den beiden lernen?
Alle drei lernen voneinander. Oder befinden sich zumindest in einer psychologisch interessanten Konstellation. So hat es mir mal ein Psychologe erklärt. Er sah in Pelzig das ungezogene Kind, in Dr. Göbel die leidende Mutter und in Hartmut den grobschlächtigen unsensiblen Vater. Ein anderer Zuschauer glaubte, in den dreien die Freud“sche Dreifaltigkeit aus Es, Ich und Über-ich zu erkennen. Lustig, oder? Solche Gedanken habe ich mir bei der Geburt der drei Figuren nie gemacht.
Apropos lustig: Passiert es Frank-Markus Barwasser manchmal, dass er aus Versehen in den markanten Sprachstil von Erwin Pelzig rutscht? An der Kasse beim Bäcker oder so?
Nein, niemals. Gerade in einer Situation wie beim Bäcker wäre es mir peinlich, in dieser Weise auf mich aufmerksam zu machen. Ich kann und will Pelzig nur auf der Bühne sein, niemals sonst. Davon abgesehen: Ohne das Kostüm funktioniert es auch nicht. Der Anzug verändert bei mir alles: nicht nur die Sprache, auch die Körperhaltung, die Art zu denken.
Einmal ist in einer Stadthalle ein Schweinwerfer von oben runter auf die Bühne gekracht, einen halben Meter neben mir. Das war saugefährlich. Als Barwasser hätte ich mir die Hallenleitung und den Bürgermeister vorgeknöpft. Als Pelzig habe ich spontan eine Nummer über die finanzielle Lage der Kommunen gemacht. Ist ganz gut gelungen. Das Publikum war danach der Meinung, das gehöre zum Programm.
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Frank-Markus Barwasser wurde im Februar 1960 in Würzburg als viertes von fünf Kindern geboren. Nach einem Zeitungsvolontariat studierte er Politikwissenschaft, Neuere Geschichte und Ethnologie an den Universitäten München und Salamanca. In den 1980er Jahren begann seine kabarettistische Laufbahn. Inzwischen steht er seit rund 30 Jahren auf Deutschlands Kabarettbühnen, verfasste ein Theaterstück für das Münchner Residenztheater und ist regelmäßig im Fernsehen zu sehen. 2007 kam der erste Erwin Pelzig-Film „Vorne ist verdammt weit weg“ ins Kino.
Am 17. September gastiert Frank-Markus Barwasser in seiner Rolle des Erwin Pelzig im Wahner Eltzhof. Los geht es ab 20 Uhr. Tickets sind im Vorverkauf. www.wahn-witzig.de