StartSchulenLise-Meitner-Gesamtschule"Wir müssen uns jetzt entgegen stellen."

„Wir müssen uns jetzt entgegen stellen.“

Sechs Jahre alt sei er gewesen, erzählt Ivar Buterfas-Frankenthal, als der Leiter seiner damaligen Schule ihn von eben dieser verbannte. „Du darfst nicht am Ausflug teilnehmen. Geh“ nach Hause und komm auch nicht wieder. Du atmest uns Ariern die Luft weg“, habe der Schulleiter gesagt, erinnert sich der 1933 geborene Hamburger. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Auf dem Heimweg verfolgten ihn Hitler-Jungen und -Mädchen, wie Buterfas-Frankenthal erzählt. In einem Hinterhof machten sie ein Feuer und zwangen den Jungen hinein.

„Als ich dachte, mein letztes Stündlein habe geschlagen, retteten mich Passanten, die vorbeikamen“, so Buterfas-Frankenthal. Danach habe er nicht mehr unter Kindern sein können. Habe nie wieder eine Schule besucht. Die Albträume hätten ihn lange verfolgt. Sein Weg aus ihnen heraus, sei es gewesen, über das Erlebte zu erzählen – an Universitäten, Polizeiakademien oder auch Schulen.

So, wie jüngst an der Finkenberger Lise-Meitner-Gesamtschule, wo viele Schülerinnen im extra um die sonstige Mensa vergrößerten Veranstaltungsraum zuhören. „Ob Jumbo-Pilot oder DAX-Vorstand. Ihr könnt werden, was ihr wollt. Ihr müsst nur dafür sorgen, dass nicht wieder passiert, was passierte“, richtet der 91-Jährige das Wort an die Zuhörenden. „Setzt so etwas nicht aufs Spiel. Wir haben hier die schönste Demokratie der Welt.“

Er sei inzwischen der einzige Zeitzeuge, der öffentlich berichte. Davon, wie ihm von den Nationalsozialisten die Staatsangehörigkeit entzogen wurde, er sie erst 1961 wiederbekam. Oder auch davon, wie sein jüdischer Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, ins Konzentrationslager kam, es überlebte und später sich von der Familie trennte, weil er nicht mehr wie zuvor leben konnte. Zuvor hatte Buterfas-Frankenthal mit seinen sieben Geschwistern und zusammen mit der Mutter mehrfach vor Krieg und Nationalsozialisten fliehen müssen.

In 1.621 Schulen sei er inzwischen aufgetreten, erzählt Buterfas-Frankenthal, der später selbst Unternehmer, Boxer und Boxveranstalter wurde, zudem Bücher geschrieben hat. So, wie das jüngste, „Von ganz, ganz unten“, das seine Lebensgeschichte aufzeichnet, und das seine Frau Dagmar als Co-Autorin hat. Beide sind 72 Jahre verheiratet. Ohne sie hätte er alles nicht geschafft, erzählt Buterfas-Frankenthal.

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Foto: Göllnitz

„Auf den Straßen wird es wieder unruhiger“, stellt er fest. „So, wie 1934.“ Es besteht eine riesengroße Gefahr, dass man euch die Zukunft stehlen kann“, so Ivar Buterfas-Frankenthal zu den Schülerinnen, die er eindringlich bitte, nicht rechts zu wählen. Im Saal gibt es lauten Zuspruch.

„Ich bin der letzte Mohikaner. Ihr seid die Erwachsenen der Zukunft. Aber so lange ich kann, werde ich die AfD bekämpfen“, erklärt Ivar Buterfas-Frankenthal. Ein Einsatz, der nicht ohne Folgen bleibt. Sein Haus sei zu Festung umgebaut. Woran er und seine Frau sich aber gewöhnt hätten. Und auch zum Auftritt der beiden in der Lise-Meitner-Gesamtschule ist Polizei vor Ort.

„Worauf wollen wir warten? Wir müssen uns jetzt entgegen stellen, dass so etwas wie vor 80 Jahren nie wieder passiert.“ 

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